#tvduell: Wie man aus der Defensive punkten kann

Martin Schulz und Angela Merkel in der Talk-Kritik

Jetzt vergessen Sie einmal alles, was Sie über diesen Wahlkampf gelesen haben und konzentrieren Sie sich in der Betrachtung des Kanzlerduells nur auf eine Frage: Was sollte ein Kandidat tun, den viele schon als Verlierer sehen? Was muss er zeigen, damit die Mehrheit sagt: „Der kann Kanzler“ oder, übersetzt in die Welt des Managers: Kann er führen?

Zahlreiche Punktsiege

Kampfgeist ohne Polemik: Martin Schulz zeigte immer wieder klar, dass er kämpfen und Position beziehen kann – bestes Beispiel: Schulz’ Forderung nach einem Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Obwohl er damit von der bisherigen SPD-Position abwich, brachte er die Kanzlerin damit in Bedrängnis. Sie wolle „mit den Kollegen noch einmal reden, ob wir die Verhandlungen nicht dich abbrechen können“, sagte Merkel, als Schulz nicht lockerließ. Dem Gegner die eigene Position aufgedrängt: Das ist Führung – nicht nur in der Politik. Klarer Punkt für Herausforderer Schulz.

Gegner kalt erwischen: brillant, wie Schulz Kanzlerin Angela Merkel stellte, als ein Wahlversprechen abgab: keine Rente mit 70, wie vom CDU-Wirtschaftsrat ins Spiel gebracht, es soll bei der Rente mit 67 bleiben. Darauf will Schulz die Kanzlerin festnageln und erinnert daran, dass sie vor vier Jahren das Versprechen abgegeben hatte, keine Autobahn-Maut einzuführen. Da half auch die Relativierung seitens der Kanzlerin wenig: Ihre Botschaft war seinerzeit „Mit mir wird es keine Maut geben“ – und dann kam sie eben doch.

Körpersprache: Mimik und Gestik passen, auch über Schulz’ Outfit mit Bart und biederer Krawatte (warum denn überhaupt noch eine tragen …) wird sich kaum noch jemand aufregen. Nebenbei: Auch der Frisur von Frau Merkel gelang es zwölf Jahre lang nicht, Wahl oder Wiederwahl zu verhindern. Fazit: Äußerlichkeiten werden erst dann zum Issue, wenn die Inhalte nicht mehr stimmen. Aber ein anderer Punkt ist kritisch. Warum dieser unsichere Stand bei Schulz, das überdeutliche Hin- und Herschwanken von einem Bein aufs andere. Zugegeben: 97 Minuten lang in einem TV-Studio zu stehen und hoch konzentriert eine Debatte um alles oder nichts zu führen, ist anstrengend. Aber wenn die Kanzlerin ruhig stehen bleiben kann, dann sollte das ihrem Herausforderer erst recht gelingen.

Abschluss-Statement: Das Beste oder nichts

Im Wettbewerb um ein Spitzenamt, eine Top-Position oder ein herausragendes Mandat kommt es auf drei Dinge an: den Willen, zu gewinnen, Ausdauer und Härte, um diesen Willen durchzusetzen und die Fähigkeit, sich und sein Angebot als die beste Alternative zu präsentieren. Das Abschluss-Statement ist die Chance für den Kandidaten, in konzentrierter Form zu sagen, warum die Leute ihn wählen sollen. Und Martin Schulz? Was er sagte, war klug und einprägsam. Er sprach in Metaphern über Gerechtigkeit und politischen Mut und bat die Wähler um Vertrauen. Alles richtig und erstklassig formuliert. Doch Merkel präsentierte ihre Agenda. So konnte der Zuschauer den Eindruck gewinnen: Martin Schulz meint das Richtige. Angela Merkel tut das Richtige. „Angela Merkel tut das Richtige – Schulz wird das Bessere tun“ – das wäre ein Gewinner-Fazit gewesen. Schade!

zurück zur Auswahl

Diesen Beitrag teilen